Was ist AIBSE?

KI-basierte Software Entwicklung (engl. AI-based Software Engineering, AIBSE) oder auch Agentic Software Engineering genannt, bezeichnet die professionelle Nutzung von KI-Systemen (Agenten) zur vollständigen Erzeugung qualitativ hochwertiger, ausführbarer Softwareanwendungen. Dabei werden nicht nur einzelne Codeteile, Module oder Klassen generiert, sondern alles was notwendig ist, um eine komplett lauffähige Softwareanwendung zu erstellen. Typischerweise gehören dazu neben dem Quellcode auch noch Dinge der Software-Infrastruktur wie Ordner, Projekt- und Konfigurationsdateien.

Etwa seit Anfang 2026 wurden KI-Modelle mit Spezialisierung auf Softwareentwicklung veröffentlicht, die in der Lage sind qualitativ hochwertige Software, basierend auf Spezifikationen und Benutzereingaben in natürlicher Sprache (Prompts) vollständig zu generieren. Moderne Systeme wie z.B. Claude Code können dabei vorgegebene Software Engineering Standards sehr zuverlässig einhalten und umsetzen.

Ganze Softwaresysteme lassen sich nun in kurzer Zeit mit Hilfe der künstlichen Intelligenz generieren, ohne dass eine manuelle Erstellung von Quellcode notwendig wird. Die Qualität kann heute schon fast immer mit der von handgeschriebenem Code mithalten. Daher verändert sich durch Einsatz von KI-Agenten zur Softwareentwicklung der Prozess zur Softwareerstellung grundlegend. Es geht weg von der manuellen Erstellung von Quellcode hin zu sehr starker Generierung von Software. Vermutlich schon in naher Zukunft wird eine erhebliche Menge von Quellcode nicht mehr von Hand bearbeitet, sondern durch KI-Systeme erstellt und modifiziert.

KI-Systeme sind nicht unfehlbar, aber sie werden dazu lernen und besser werden

Die KI-Systeme machen auch vielleicht noch manchen Fehler. Dies tun menschliche Entwickler aber auch dann und wann. Die Entwicklung der KI-Systeme bleibt ja nicht stehen und es ist wie immer nur eine Frage der Zeit bis sie sich weiter verbessern. Auch die ersten Compiler haben manchmal noch schlechten Assemblercode generiert. Aber heutzutage schaut sich so gut wie niemand mehr den generierten Assemblercode an. In diese Richtung wird es sich vermutlich mittel- bis langfristig auch mit KI-Systemen zur Softwareentwicklung bewegen.

In der Informatik gab es immer mal Neuerungen und Veränderungen. Zum Beispiel wurden bis vor 10 Jahren Daten gerne in XML gespeichert, dann kam JSON und löste XML an vielen Stellen und Anwendungen ab. Auch gab es immer mal neue Programmiersprachen, die im Trend lagen. Manche kamen und gingen auch wieder.

Die genannten Beispiele haben jedoch eines gemeinsam. Es handelt sich um evolutionäre Fortentwicklungen. Sowas wie XML und JSON sind äquivalent von dem, was sie repräsentieren, nämlich baumartig strukturierte Daten. Man kann XML-Daten nach JSON wandeln und umgekehrt. Es sind also zwei Dinge, die das gleiche Problem adressieren, nämlich, wie man Daten strukturiert speichern kann. Es sind Trends bzw. evolutionäre Entwicklungen. Das gleiche gilt für Programmiersprachen. Die Syntax unterscheidet sich, aber die Semantik, die man damit beschreiben kann, ist die gleiche.

Was ist eine revolutionäre Veränderung?

Eine Sache, ein Werkzeug oder eine Idee ist dann revolutionär, wenn sie etwas kann, was vorher noch nicht da war. Software, die in der Lage ist, ganze, lauffähige Softwareanwendungen basierend auf Eingaben in natürlicher Sprache zu generieren, gab es vorher nicht. Und genau das können heute schon aktuelle KI-Agentensysteme mit der Spezialisierung auf Softwareentwicklung.

Software läuft auf Computern, also Maschinen ab. Computer verstehen aber nur Maschinensprache in Form von einfachen Befehlen, meistens Rechenoperationen.

Wenn man Software für einen bestimmten Zweck entwickeln will, dann entstehen Anforderungen durch die Anwender oder Auftraggeber der Software. Diese Anforderungen liegen oft in natürlicher Sprache, also der Sprache der Menschen und nicht der Maschinen vor.

Das Problem was es nun zu lösen gilt ist, aus den Anforderungen in natürlicher Sprache auf irgendeine Art und Weise Software so herzustellen, dass der Computer es in seiner Sprache ausführen kann und das gewünschte richtig dabei herauskommt.

Diese Lücke, die es in der Softwareentwicklung zu schließen gilt zwischen Anforderungen und Computerhardware wird Abstraktionslücke genannt (Abbildung 1). 

Abbildung 1: Abstraktionslücke zwischen Mensch und Computerhardware

Die Informatik hat nun über viele Jahrzehnte versucht diese Abstraktionslücke immer kleiner werden zu lassen. Dazu wurden immer neue Ansätze erfunden, die die Maschine immer weiter abstrahiert haben und es dem menschlichen Entwickler leichter gemacht haben die zu realisierenden Anforderungen in Software umzusetzen.

Abbildung 2: Abstraktion in der klassischen Softwareentwicklung

In Abbildung 2 sind die Abstraktionen zu sehen, die über die Jahre seit es die ersten Computer gibt – also etwa seit 1938 – entstanden. Ganz zu Anfang programmierten Ingenieurinnen und Ingenieure die Computer direkt in Maschinensprache. Durch die Entwicklung von Assembler hat man symbolische Namen für Zahlencodes eingeführt. Dies erleichterte den Umgang mit der Maschinensprache. Darauf folgen dann Hochsprachen und Compiler, die aus einer nun eher logischen Befehlsfolge Assembler generieren konnten. Mit der Objektorientierung und der Objektorientierten Programmierung wurde eine weitere Abstraktionsschicht gefunden, die nun eine Programmierung angelehnt an Objekte aus der realen Welt erlaubte.

Jede diese Abstraktionsschichten brachte eine revolutionäre Veränderung für die Programmierung von Computern mit sich. Gleichzeitig einher geht mit jeder Schicht die Einführung von Generatoren, die aus den abstrakteren Programmen am Ende wieder Maschinencode generieren konnten. Man erkennt also ein Muster: Mit jeder Abstraktionsschicht ist auch eine neue Art von Generatorsoftware verbunden.

Die Objektorientierung brachte schon einen großen Gewinn an Effizienz in der Entwicklung von Anwendungssoftware. Trotzdem blieb eine kleinere Abstraktionslücke zwischen natürlicher Sprache und Softwarecode weiterhin bestehen. Diese musste durch einen Softwareingenieur überbrückt werden.

Lange wurde auch daran gearbeitet, diese Lücke mit Hilfe von modellbasierter Entwicklung und Modellen wie UML oder SysML weiter zu verkleinern, jedoch wurde hier leider nie eine bedeutsame Abstraktionsschicht gefunden, die das Schreiben von Quellcode (ganz) ersetzt hätte.

Agentic Coding Systeme schließen die Abstraktionslücke

Mit dem Aufkommen von KI-Systemen und der Entwicklung von Agentic Coding Werkzeugen wie z.B. Claude Code, kann nun die restliche Abstraktionslücke tatsächlich geschlossen werden. Diese Systeme sind in der Lage all das, was bisher ein Softwareingenieur mehr oder weniger von Hand erzeugt hat (Code, Projektdateien, Ordner, Konfigurationsdateien etc.), komplett zu generieren, und zwar auf Basis von Eingaben in natürlicher, menschlicher Sprache. Dabei wird nicht irgendwas generiert, sondern die Systeme schaffen es bereits heute (Sommer 2026) wirklich passende und komplett lauffähige Softwareanwendungen vollständig zu erzeugen.

Abbildung 3: Agentic Coding Systeme schließen die Abstraktionslücke

Der Begriff des Vibe Coding bedeutet so viel wie „Software Code schreiben nach Lust und Laune“ und beschreibt den Vorgang, wenn Software-Laien Agentic Coding Systeme nutzen, um eine Softwareanwendung entwickeln zu lassen, ohne eine Ahnung von Softwareentwicklung, Technologien, Programmiersprachen oder Softwarearchitektur zu haben.

Die KI-Agentensysteme sind schon so gut, dass tatsächlich eine mehr oder wenige gute und lauffähige Software entsteht. Das der Nutzer des Werkzeugs aber keine Ahnung von Architektur, Entwurfsmustern oder existierenden Technologien hat, muss das KI-System all diese Entscheidungen selbst treffen. Die führt dann gerne mal dazu, dass die interne Struktur der erzeugten Software eben nicht gewissen Standards entspricht, die man aber einhalten sollte, um die Software wartbar und erweiterbar zu halten sowie die Fehlersuche zu erleichtern.

 Vibe Coding hat sicher seine Relevanz und wird eventuell auch noch weiter zunehmen, jedoch ist es ungefähr vergleichbar mit anderen Dingen aus der Technik oder dem Leben: Wenn ein Amateur etwas macht und ein Profi, dann erkennt man meist die Sache, die ein Profi gemacht hat (Abbildung 4). Beide Arbeiten können funktionieren, es geht nur darum eine andere Qualitätsstufe zu erreichen.

Abbildung 4: Symbolische Illustration des Unterschieds zwischen Amateur- und Profiarbeit

So jemand kann schon bei der Eingabe der Vorgaben ganz andere Randbedingungen setzen, die dann zu einer ganz anderen Qualität der generierten Software führen. Das gleiche gilt für Fehlersuche, Reviews und Qualitätskontrollen.

Wir unterstützen Sie mit unseren Angeboten genau dort. Lernen Sie in unseren Trainings oder mit unserer Beratung was AIBSE im Vergleich zu Vibe Coding ausmacht und wie Sie die Herausforderungen der Softwareentwicklung mit Aufkommen der KI-Systeme zukünftig meistern. Lassen Sie sich nicht abhängen, sondern gestalten Sie mit unserer Unterstützung die Veränderung aktiv mit!